Von der Fliegersiedlung in Finow in die Geschichtsbücher: Die Geschichte von Boris Kapustin und Juri Janow ist tief mit unserer Region verwurzelt. Im Interview erklärt unser grünes Mitglied Friedemann Gillert, warum er sich für ein überparteiliches Gedenken an die beiden sowjetischen Piloten einsetzt und welche Termine am 6. und 7. April im Barnim und Berlin wichtig sind.
Vor nunmehr 60 Jahren, am 6. April 1966, verhinderten zwei Piloten in der Hochphase des Kalten Krieges entgegen expliziten Befehlen das Zerschellen ihres Flugzeuges im dicht besiedelten Berliner Westen und retteten unter Einsatz ihres Lebens mutmaßlich viele hundert andere Menschen vor einer Katastrophe.
Im Frühjahr 1966 lebten zwei befreundete Piloten – Hauptmann Boris Wladislawowitsch Kapustin und Oberleutnant Juri Nikolajewitsch Janow – mit ihren Familien in der Fliegersiedlung von Finow. Von hier aus wurde der große Flugplatz Finow – Finowfurt, einst von der Wehrmacht genutzt, seit 1945 durch die sowjetischen Streitkräfte betrieben. Anfang der 1960er Jahre waren die Offiziersfamilien in neu gebaute, enteignete Häuser von Walzwerk-Angestellten einquartiert worden – ein stilles Zeichen der Zeit, in der Frontlinien auch mitten durch zivile Lebensräume verliefen.
Unter strenger Geheimhaltung wurden im April 1966 moderne Bomben- und Aufklärungsflugzeuge aus dem Raum Irkutsk nach Köthen Überführt. Kapustin und Janow flogen eine JAK-28P, ausgestattet mit neuester, im Westen noch unbekannter Elektronik. Nach einer Zwischenlandung und Reparaturen in Finowfurt setzten sie die Überführung am Mittwoch, dem 06. April 1966, fort. Kurz nach Erreichen von 4.000 Metern Höhe fielen nacheinander beide Triebwerke aus. Der Befehl für solche Notlagen war eindeutig: Absprung mit dem Rettungsfallschirm. Doch es gab ein weiteres Risiko: Das Flugzeug mit viel Resttreibstoff hätte in dicht bebautem Gebiet in West-Berlin niedergehen können – und die geheime Technik wäre dem Gegner in die Hände gefallen.
In Sekunden entschieden sich Kapustin und Janow, niemanden zu gefährden. Sie blieben in der Maschine, steuerten weg von bewohnten Gebieten und stürzten in den Stößensee zwischen Charlottenburg und Spandau. Ihr Opfer rettete mutmaßlich Hunderte Leben – Menschen, die sie in der Logik des Krieges als “Feinde” hätten betrachten müssen.
Beide Piloten waren 35 Jahre alt. Sie hinterließen ihre Ehefrauen und Kinder: Kapustin einen Sohn (Boris, 8 Jahre), Janow zwei Kinder (Irina, 8 und Waleri, 1 Jahr alt). Ihr Entschluss wirft bis heute Fragen auf, die tiefer reichen als die militärische Pflicht: Über Mut, menschliche Verantwortung und die Würde des Handelns im Angesicht des Unfassbaren.

Beeindruckt von der Menschlichkeit beider Persönlichkeiten und aus tiefer pazifistischer Überzeugung hat es sich Friedeman Gillert zur Aufgabe gemacht, das Andenken beider zu erhalten.
Interview mit Friedemann Gillert:
Friedemann, was hat dich nach der Wende – trotz zunehmender Entfremdung zwischen Deutschland und Russland – persönlich dazu gebracht, das Gedenken an Kapustin und Janow zu übernehmen und über Jahrzehnte aufrechtzuerhalten?
Gerade weil diese Entfremdung einsetzte und unsere damalige Bundeskanzlerin auch nichts mehr aurichten konnte, dachte ich darüber nach, was man noch tun kann. Russland und Deutschland sind schließlich die größten Länder in Europa. Das Gedenken an diese beiden Piloten der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte beobachtete ich schon zum Ende der DDR-Zeit. Ich bin den Menschen aus der DSF (“Deutsch-Sowjetische Freundschaft”, Massenorganisation der DDR) eigentlich dankbar, dass sie die Erinnerung daran aufrecht gehalten haben. Aber es waren einseitig Menschen der ehemaligen SED (jetzt Linke), die auch immer älter wurden. Aus der DSF wurde die Freundschaftsgesellschaft, die in Eberswalde nach Wegzug des Leiters mehr oder weniger zerfiel. Ich wollte das Gedenken mehr in die Mitte der Gesellschaft holen und auch an die nächste Generation herantragen.
Wie ordnest du die Entscheidung der beiden Piloten ein, ihr eigenes Leben zu opfern, um hunderte potenzielle ‚Feinde‘ zu retten – jenseits nationaler Loyalitäten und Propaganda?
Das war eine zutiefst menschenfreundliche Entscheidung! Offiziere sind natürlich dazu ausgebildet im Einsatz andere Menschen (Feinde) zu töten. Janow und Kapustin entschieden sich in wenigen Sekunden, gegen die Befehlslage zu verstoßen und mitten im schlimmsten Kalten Krieg ihr Flugzeug nicht im bebauten Gebiet von Spandau zerschellen zu lassen und damit hunderte Westberliner in den Tod zu schicken. Sie hätten sich mit dem Fallschirm retten können.
Du wünschst dir, dass das Gedenken aus der Mitte der Gesellschaft kommt, ohne parteipolitische Zuschreibungen. Was bedeutet das für die Gestaltung von Kränzen, Textbändern und die Auswahl von Unterstützern?
Ich wünsche mir, das mehr Menschen aus allen möglichen Gruppierungen (Parteien, Vereinen und Kirchen) an diesem Gedenken teilnehmen. Ich wähle mir die Unterstützer nicht aus, sondern rufe einfach zu einem Gedenken an der Stößenseebrücke in der Nähe der Absturzstelle in Berlin auf, wie auch auf dem Garnisonsfriedhof in Westend (Eberswalde) und auf dem Gelände des Luftfahrtmuseums in Finowfurt. Darüber hinaus habe ich den beiden Gymnasien in Eberswalde und einigen kirchlichen Jugendgruppen in Berlin und Eberswalde angeboten, darüber zu sprechen.
Wer kommt ist da und bringt seine Blumen oder Kränze mit. Da kann ich natürlich keinen Einfluß ausüben. Für Westend werde ich in diesem Jahr einen kleinen Kranz bestellen und allgemein “Bürger vom Barnim” darauf schreiben lassen.
Du spiegelst das Gedenken nach Russland, um Putins Erzählung „der Westen sei gegen Russland“ zu widerlegen. Wie gelingt dir diese differenzierende Botschaft – die Würdigung einzelner russischer Menschen, aber keine Verklärung des politischen Regimes?
Die Differenzierung ist natürlich schwierig. Und jede Information kann falsch ausgenutzt werden. Die derzeitige russische Propaganda wird leider noch nach Putins Tod weiter wirken. Dennoch können solche Informationen in Russland etwas bewirken. Wenn russische Menschen lesen, dass es in Deutschland Menschen gibt, die ehrend an diese beiden Russen denken, kann es ihnen helfen, sich von Putins Erzählungen zu befreien. Das ist natürlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber ohne Tropfen wäre er noch heißer.
Welche Irrtümer oder falschen Behauptungen mussten rund um den Vorfall und die Piloten aufgeklärt werden? Und warum ist diese Faktenpflege für deine Arbeit und die Glaubwürdigkeit des Gedenkens so zentral?
Gleich nach 1966 gab es von westlichen Geheimdiensten geschürte Legenden. Wahrscheinlich sollte es nicht sein, dass die Sowjets auch menschlich edel handeln. Es gab die Vermutung, dass die beiden in den Westen fliehen wollten, dass sie riskante Flugmanöver aufführten, wie ein Jahr zuvor bei der Störung der Bundestagssitzung in dem Haus der Kulturen der Welt, und schließlich wurde sogar von einer Schießerei im Cockpit fabuliert. Damit konnte man das Andenken diskreditieren. Auch in der Sowjetunion selbst wurden den beiden Piloten die üblichen Ehrungen verweigert. Durch ihre Entscheidung, das Flugzeug nicht zerschellen zu lassen, sind schließlich viele geheime Einbauten, z.B. die “Freund-Feind-Erkennung” wertlos geworden. In allen Flugzeugen, Panzern und Schiffen aller Armeeen des Warschauer Paktes musste diese Elektronik umgebaut werden.
Was bleibt uns – gerade für jüngere Menschen – als Vorbild aus der Geschichte von Kapustin und Janow erhalten? Welche Haltungen, Entscheidungen oder Formen des Handelns sind in der aktuellen Zeit besonders wichtig, um Menschlichkeit über politische Fronten hinweg zu stärken?
Jeder Einzelne ist seinem Gewissen verantwortlich. Ein Gewissen ist aber nicht statisch, sondern muss immer wieder an Maßstäben geformt werden. Ich beziehe meine Maßstäbe aus der Bibel, in der ich täglich lese. Kein Befehlsnotstand und keine Anweisung darf Soldaten, aber auch allen Menschen in Beruf und Gesellschaft, als Entschuldigung dienen. Wer sein Gewissen nicht schult, sondern von Medien oder ideologischen Gruppen beeinflussen läßt, wird ein Spielball der jeweils Mächtigen.
Vielen Dank für das Interview!
Veranstaltungshinweise:
06.04.2026 um 11 Uhr: Gedenken auf der Stößenseebrücke auf der südlichen Seite.
(Wenn man die Heestraße Richtung Westen stadtauswärts fährt auf der linken Seite. Das Gedenken ist als kleine Demo angemeldet.)
07.04.2026 um 11 Uhr: Garnisonsfriedhof Westend Eberswalde
07.04.2026 um 12 Uhr: Luftfahrtmuseum Finowfurt
Verweise auf Hintergrundartikel:
Deutschlandfunk Kultur | Flugzeugabsturz über West-Berlin







Kommentar verfassen
Verwandte Artikel
Landratswahl im Barnim am 19. April
Am 19. April 2026 sind die Barnimer*innen aufgerufen, einen neuen Landrat zu wählen. Bündnis 90/Die Grünen unterstützen den amtierenden Landrat und Kandidaten der SPD, Daniel Kurth, und rufen zu dessen Wahl auf. …
Weiterlesen »
Wandlitz: Diskurs um neues Wohngebiet
In Wandlitz wird über ein neues Wohngebiet auf der grünen Wiese gestritten. Unsere Gemeindevertreterin Katja Hoyer lehnt dieses Vorhaben ab. Sie erklärt dazu: „Die Entwicklung des Areals Töppersberg III als…
Weiterlesen »
Bündnis 90/Die Grünen unterstützen Daniel Kurth (SPD)
Auf ihrer Kreismitgliederversammlung am Dienstag, 13.01.2026, im Kulturbahnhof Biesenthal sprachen sich die Mitglieder von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Barnim einstimmig dafür aus, Daniel Kurth (SPD) bei der bevorstehenden Landratswahl zu unterstützen. Ausschlaggebend für die Entscheidung war ein intensiver inhaltlicher Austausch auf Grundlage frühzeitig erarbeiteter und gemeinsam verabschiedeter Wahlprüfsteine der Grünen.
Weiterlesen »